Indien - Mehr Freunde, mehr Feinde
Spätestens beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos hat sich gezeigt, dass für den Aufstieg Asiens, wenn nicht für die aufsteigenden Mächte des 21 Jahrhunderts schlechthin, in der internationalen Wahrnehmung neben der Volksrepublik China mittlerweile nahezu gleichgewichtig Indien steht. Als größte Demokratie der Welt hatte Indien politisch zwar stets westliche Anerkennung erfahren. Aus wirtschaftlicher Sicht indes war es im Vergleich zum kommunistischen China noch bis vor kurzem nicht sonderlich ernst genommen worden. Inzwischen aber haben sich die Anfang der neunziger Jahre begonnenen Reformbemühungen in Wachstumsraten von erstaunlicher Höhe und Nachhaltigkeit niedergeschlagen und dem Land nun auch unternehmerisches Interesse von vielen Seiten eingetragen.
Indien wird von den herkömmlichen Industriestaaten sogar mehr und mehr als Konkurrenz empfunden und von diesen zugleich hofiert. So wie das IT-Zentrum in Bangalore fast schon zum obligatorischen Reiseziel europäischer und amerikanischer Besucher zählt, so sind auch Namen wie die des indischen Stahlmagnaten Lakshmi Mittal in westlichen Breiten nicht länger unbekannt. In diesem April ist Indien Partnerland der Industriemesse in Hannover, und im Oktober wird es in gleicher hervorgehobener Rolle auf der Frankfurter Buchmesse vertreten sein. Zwar leidet Asiens drittgrößte Volkswirtschaft immer noch unter einer äußerst rückständigen Infrastruktur und überdies darunter, dass sich die einerseits gelobte parlamentarische Demokratie andererseits wegen des Zwangs zu Koalitionsbildungen in einem verwirrenden Spektrum politischer Parteien nicht selten als Reformbremse erweist. Dennoch hat Indien nicht nur in seiner wirtschaftlichen, sondern besonders mit Blick auf das benachbarte China auch in seiner strategischen Bedeutung in einem Maße zugenommen, das es nicht zuletzt den Vereinigten Staaten geraten erscheinen lässt – wie ein Besuch ihres Präsidenten George W. Bush soeben deutlich gemacht hat –, dem Land größere Aufmerksamkeit zuzuwenden. In Indiens unmittelbarer südasiatischer Nachbarschaft wird diese Entwicklung allerdings mit einigem Unbehagen verfolgt. Die indische Dominanz in der Region, so ist keineswegs nur in Pakistan zu hören, sei einer vertrauensvollen, von Gleichberechtigung getragenen Partnerschaft wenig dienlich.
In der Tat kommt das, was vor gut 20 Jahren als Südasiatische Vereinigung für Regionale Zusammenarbeit (SAARC) seinen Anfang nahm, allen Lippenbekenntnissen zum Trotz nur schleppend voran. Zwar trat am 1. Januar dieses Jahres ein Freihandelsabkommen (SAFTA) zum schrittweisen Abbau der Zölle unter den sieben Mitgliedsländern in Kraft, das von Indien und Pakistan bis 2012, von Sri Lanka bis 2013 und von Bangladesch, Bhutan, Nepal und den Maldiven als den wirtschaftlich am wenigsten entwickelten Mitgliedsländern bis 2015 erfüllt werden soll. Doch ob das mehr Schwung in den regionalen Handelsaustausch bringen wird, steht nach allen bisherigen Erfahrungen dahin. Wie ungewiss diesbezügliche Hoffnungen bis auf weiteres sind, wurde von der Regierung in Islamabad bei der Ratifizierung des SAFTA-Abkommens demonstriert. Obwohl Pakistan und Indien nach dieser Vereinbarung mit gutem Beispiel vorangehen sollen, stellte Islamabad klar, Freihandel zwischen ihnen komme erst dann in Frage, wenn es „sichtbare Fortschritte in politischen Streitpunkten einschließlich des Kaschmir-Problems“ gebe. Obwohl die offene Feindschaft zwischen den beiden Nachfolgestaaten Britisch-Indiens in diesem seit ihrer Unabhängigkeit vor bald 60 Jahren bestehenden Dauerkonflikt merklich nachgelassen hat, war, ist und bleibt es Kaschmir, das die regionale Zusammenarbeit in Südasien weiterhin mit am meisten erschwert. Auch Sri Lanka mit seinen inneren Spannungen legt keine große Eile an den Tag. Die Regierung in Colombo will SAFTA nach eigenem Bekunden erst in diesem Sommer gesetzlich besiegeln.
Zwei gemeinsame Feinde
Der indische Premierminister Manmohan Singh, als ausgewiesener Wirtschafts- und Finanzfachmann die treibende Kraft in dem Bemühen, sich die Vereinigung Südostasiatischer Staaten (ASEAN), wenn nicht gar die Europäische Union zum Vorbild für SAARC zu nehmen, sprach unlängst von „zwei gemeinsamen Feinden“, gegen die man in Südasien vorgehen müsse: Armut und Terrorismus. Wenngleich er nicht präzisierte, an wen man in Delhi dabei auch und vor allem denkt, konnten sich fast alle Nachbarländer angesprochen fühlen. Abgesehen vom indischen Teil Kaschmirs, wo anhaltende Gewalttaten nach wie vor angeblich von Pakistan unterstützten oder zumindest tolerierten Terroristen zugeschrieben werden, sieht sich Bangladesch von Delhi verdächtigt, aufständischen Gruppen im Nordosten Indiens Unterschlupf zu gewähren und tatenlos dem Erstarken militanter Islamisten zuzusehen. Damit nicht genug, machen in Indien auch sogenannte Naxaliten wieder von sich reden. Ihnen werden enge Verbindungen zu den Maoisten in Nepal nachgesagt, die dort nahezu den gesamten Westen des Himalaja-Staates kontrollieren und es sich zum Ziel gesetzt haben, dem autoritär regierenden König Gyanendra mitsamt dem monarchischen System den Garaus zu machen. Und schließlich sei noch einmal Sri Lanka erwähnt, wo sich die Fronten zwischen der singhalesischen Bevölkerungsmehrheit und sezessionistischen Tamilen ungeachtet jüngster Verhandlungsversuche unter internationaler Ägide wieder verhärtet haben und Indien mit Rücksicht auf seine eigenen Tamilen schwerlich als Vermittler auftreten kann.
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