Querelen zwischen David und Goliath (Seite 2)

Tatsächlich scheint es ungeachtet aller Rhetorik diesseits und jenseits der Taiwan-Straße beiden Seiten gar nicht so sehr zu missfallen, am Status quo festzuhalten. Immerhin sind Fakten in Form einer wirtschaftlichen Verflechtung geschaffen worden, die hüben wie drüben wohl kaum jemand ernsthaft aufs Spiel setzen möchte. Unter den Wirtschaftsmächten mit den Vereinigten Staaten an der Spitze hat es die VR China mittlerweile auf Rang sieben und das im Vergleich dazu so unscheinbar anmutende Taiwan immerhin zur Nummer zwanzig gebracht. Dass Festlandchina im Bereich der Informationstechnologie (IT) zu einem der bedeutendsten Hardware-Hersteller geworden ist, geht nicht zuletzt auf seine Zusammenarbeit mit Taiwan zurück. Die USA importieren längst mehr Produkte dieser Art aus der VR China als aus Japan. Und mehr als 60% der chinesischen IT-Exporte nach Amerika ist Hardware, die von taiwanesischen Unternehmen in der VR hergestellt wird. Wettbewerbsnachteile sind der Inselrepublik dadurch entgegen anfänglichen Befürchtungen augenscheinlich nicht entstanden. Im Gegenteil. Nach Angaben des Institute for International Economics in Washington hat die taiwanesische IT-Branche dank ihrer Produktionstätigkeit in der Volksrepublik auch aus gleichsam nationaler Sicht einen größeren Anteil am globalen Marktgeschehen zu gewinnen vermocht. Dass Taiwan über enorme Devisenreserven verfügt, ist vor allem seinem Überschuss im Handelsaustausch mit dem chinesischen Festland zuzuschreiben. Dort beschäftigen taiwanesische Firmen, die allein im Großraum Schanghai mit etwa 300 000 Geschäftsleuten und ihren Familien vertreten sind, zu 10 Mio. Chinesen.

Allerdings tun sich beide Seiten weiterhin etwas schwer damit, die noch bestehenden Hürden auf dem Weg der „drei direkten Verbindungen“ – lies: Kommunikation, Handel und Transport – vollends abzubauen. Direkte Telefonverbindungen gibt es zwar seit längerem, und auch der über Hong Kong geleitete Postverkehr läuft reibungslos. Doch woran es vor allem noch mangelt, sind, von Hong Kong und Macao abgesehen, Direktflüge zwischen der VR und Taiwan. Aber das sind, gemessen an den wirtschaftlichen Bindungen zwischen der Volksrepublik und der Republik China, marginale Hindernisse frei von politischen Belastungen.

Ob Beijings fortgesetzter Flirt mit der taiwanesischen Opposition am Ende sogar doch noch zu einer Begegnung Hu Jintaos mit Chen Shui-bian führen könnte, nimmt sich zwar wenig wahrscheinlich aus, zumal da letzterer politisch angeschlagen ist und in Zukunft wohl vollauf damit beschäftigt sein wird, die letzten zwei Jahre seiner Amtszeit durchzustehen. Immerhin aber will er nach eigenem Bekunden als ein Mann in die Geschichte eingehen, der es nicht zugelassen hat, dass aus Taiwan ein „zweites Hong Kong“ wird. Und es scheint nicht ausgeschlossen, dass ihm Beijing schon aus wirtschaftlichem und politischem Eigeninteresse diesen Wunsch sogar erfüllt.

Werner Adam

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