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Stichwort Asien: Kotau
Das Weltbild des alten China war einfach: Als „Himmelssohn“ regierte der Kaiser von China nicht nur das Reich der Mitte, sondern galt auch der Herrscher über „alles unter dem Himmel“. Gleichberechtigte Beziehungen zu anderen Staaten waren weder erwünscht noch vorstellbar, schließlich gab es auf chinesischer Seite keine Zweifel an der eigenen kulturellen Überlegenheit. Benachbarte Völker, denen an einem guten Verhältnis zum Drachenthron gelegen war, schickten regelmäßig Tributgesandtschaften, deren Delegierte sich symbolisch dem Kaiser unterwarfen. Dreimal kniete der barbarische Besucher nieder und berührte dabei je dreimal den Boden mit der Stirn. Dieses „Kopf-Schlagen“ (ke-tou) ging Ende des 19. Jahrhunderts, mit dem Beginn der deutschen Kolonialgeschichte in China, als „Kotau“ in die deutsche Sprache ein.
Kein britischer Kniefall
Solange China als unangefochtene Regionalmacht herrschte, wurde dieses Ritual nicht in Frage gestellt. Als Großbritannien im 18. Jahrhundert um den Aufbau diplomatischer Beziehungen bat, musste der Kotau jedoch zwangsläufig für Konflikte sorgen. Für die Briten, selbst als Gesandte einer Großmacht nicht gerade mit Bescheidenheit gesegnet, war es völlig undenkbar vor einem asiatischen Herrscher zu knien! Die darauf folgenden historischen Verwicklungen sind Geschichte: Unwillig, sich symbolisch zu unterwerfen, öffneten die Briten das Land mit Gewalt und verwandelten China im Opiumkrieg (1839-1842) in eine Halbkolonie. Wirtschaftlich wie politisch läutete dies das Ende der Qing-Dynastie ein. Der Kotau blieb davon allerdings erst einmal unberührt – er hielt sich bis zum Ende der Monarchie 1911.
Nicht nur in China
Europäer, die ob dieser allzu unterwürfigen Geste insgeheim den Kopf schütteln, finden in der europäischen Geschichte durchaus ein Pendant: Als „Proskynese“ fand der Kotau seinen Weg von China über den Orient bis an die Höfe des (christlichen) byzantinischen Reiches, wo er ebenfalls als Unterwerfungsgeste galt. In der katholischen Kirche existiert die Proskynese heute noch: In der Karfreitagsliturgie und der Priesterweihe werfen sich die Geistlichen vor dem Altar nieder.
FranÁoise Hauser


