Stichwort Asien: Pariah

Ausgestoßen, chancenlos und abgewertet: Wer in Europa als Pariah bezeichnet wird, steht außerhalb der Gesellschaft. Mit dem Schicksal des indischen Originals hat er freilich wenig gemein

Ursprünglich bezeichnete das Wort Pariah die südindischen Trommler Paraiyar, deren Name sich vom tamilischen Parai (Trommel) ableitet. Als Kastenlose leben sie am Rande der Gesellschaft. Mit der britischen Kolonialherrschaft gelangte der Begriff in die europäischen Sprachen, wo er als Synonym für Ausgestoßene verwendet wird. In Indien selbst bezeichnen sich die Kastenlosen selbst lieber als Dalit (Zerbrochene), da dem Begriff Pariah noch immer ein negativer Unterton anhaftet.

Ausgesondert

Gut 250 Millionen Dalits dürfte es derzeit in Indien geben, sie stellen also mehr als 20% der Bevölkerung. Da sie keiner der mehr als 3000 Kasten angehören, gelten sie nicht als Teil der Hindu-Gesellschaft. Traditionell ist die Kaste oft mit einem Berufsbild verknüpft, analog dazu sind diverse Tätigkeiten den Kastenlosen vorbehalten. Meist stehen sie in Zusammenhang mit dem Tod oder Exkrementen und gelten deshalb als „verunreinigend“ für den Ausübenden. Dalits werden daher auch als „Unberührbare“ bezeichnet: Schon der bloße körperliche Kontakt mit einem Dalit verunreinigt vermeintlich das Gegenüber. Traditionell war es ihnen aus selbigem Grund verboten (und ist es teils heute noch), aus dem selben Brunnen wie ein Hindu zu trinken, einen Hindu-Tempel zu betreten, innerhalb der Dörfer zu wohnen oder in irgendeiner Form Bildung zu erfahren.

Der lange Weg aus dem Elend

Kein Wunder, dass sich viele Dalits den kastenlosen Religionen wie Christentum oder Buddhismus zuwenden. Rein theoretisch hat der indische Staat die „Unberührbarkeit” 1950 abgeschafft, Quotenregelungen an den Universitäten und in der staatlichen Verwaltung sollen den Dalits zu mehr politischem und ökonomischem Gewicht verhelfen. De facto sind diese Bemühungen jedoch nur begrenzt wirksam. Zwar gibt es durchaus erfolgreiche Dalits, wie beispielsweise der ehemalige Präsident Indiens, Kocheril Raman Narayanan oder der ehemalige Vorsitzende der BJP Partei Bangaru Laxman, die meisten Dalits jedoch leben heute wie noch vor Jahrzehnten in absoluter Armut. Vor allem jenseits der Großstädte nützt ein Prädikatsstudium wenig, wenn der soziale Status nicht stimmt. Und spätestens wenn es um die Wahl des Ehepartners geht, bleibt die Kaste (oder eben Kastenlosigkeit) ohnehin das Hauptkriterium.

Francoise Hauser

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