Stimmt's?

Asiaten sehen sich wahnsinnig ähnlich, können kein „R“ sprechen und fotografieren ständig. Stimmt’s? Bei inAsien wollen wir solchen Ansichten auf den Grund gehen. Diesmal untersuchen wir, warum Asiaten mit ihrem Fotoapparat verwachsen zu sein scheinen

Nicht ohne meine Nikon!

Neulich am Römer, dem historischen Rathaus der Stadt Frankfurt am Main: Eine Gruppe Japaner, ausschließlich Männer, ausgerüstet mit dem Modernsten, was die Fototechnologie hergibt. Nacheinander stellen sie sich vor dem historischen Rathaus auf, reichen ihre Kameras an Mitreisende weiter und lassen sich ablichten. Vor der Skyline und dem Goethe-Haus wiederholt sich die Szenerie. Dann geht es wieder in den Bus. Tür zu, und ab – Schloss Neuschwanstein lautet das Etappenziel. Der Pariser Eiffelturm und die Sixtinische Kapelle in Rom gehören ebenfalls in die Prozessplanung einer Europareise. Deutschland, Frankreich, Italien, vielleicht noch England, und das alles in 9 Tagen. Und immer mit einer Canon oder Nikon um den Hals.

Ist der Fotoapparat wirklich der treueste Freund des reisenden Japaners? Und warum posieren sie mit solch liebevoller Disziplin vor jeder – wirklich jeder – vermeintlichen Sehenswürdigkeit, die das alte Europa zu bieten hat?

Keine Zeit verlieren

Eines steht fest: Während der Arbeitnehmer in Deutschland über großzügige vier Wochen Urlaub verfügen kann, haben Japaner gerade einmal zehn Urlaubstage. Statt die Seele baumeln und den Yen einfach mal Yen sein zu lassen, wollen die Japaner ihre knappe freie Zeit intensiv nutzen.

Und so ganz ohne Arbeit geht es auch dabei nicht. Das erklärt die überwiegend männlichen japanischen Reisegruppen. Japans Männer reisen nämlich gerne im Kreise ihrer Arbeitskollegen, aber ohne Chef, nach Europa, weiß Alexander Häntzschel, Berater für interkulturelle Kommunikation. Hierbei gehe es vorrangig darum, auch in der Freizeit in der (Arbeits-)Gruppe aktiv zu sein und so zu einem positiven Arbeitsklima beizutragen. Akribisch dokumentiert würden Reisen nach Europa demnach auch, um dem Chef in Japan zu zeigen, dass man die freie Zeit sinnvoll genutzt habe. Anschließend bekämen dann die Familienmitglieder die Bilder zu sehen, schließlich gehe es auch für Japaner darum, besondere Erlebnisse zu dokumentieren.

Während Chinesen es liebten, sich in der Gruppe ablichten zu lassen, bevorzugten Japaner das Einzelfoto vor historischer Kulisse. Sie gelten übrigens auch unter anderen Asiaten als besonders fotoverliebt. Nicht erstaunlich, schließlich kommt ein Großteil der Hersteller moderner Fototechnologie aus Japan.

Was muss aufs Foto?

Auch beim „no go“ oder „must“ für das Fotografieren gibt es jede Menge kultureller Unterschiede zwischen Asien und Europa. In Indonesien beispielsweise werden häufig Beerdigungen fotografiert. Das liegt nach Meinung von Alexander Häntzschel auch an einer Eigenheit der indonesischen Sprache. Bahasa Indonesia kommt fast völlig ohne Vergangenheitsform oder den Konjunktiv aus, somit habe sie naturgemäß weniger erzählenden Charakter als z. B. die deutsche Sprache. Um Ereignisse wortwörtlich bildhaft wiederzugeben, würden Indonesier auch zu solchen Anlässen zur Kamera greifen. Ähnlich erstaunt wie unsereins über Fotos von Trauerfeiern zeigen sich Asiaten über die Fotografier-Vorlieben der Deutschen. Als die in Düsseldorf lebende Chinesin Lei Li einige ihrer Kollegen von Asia-Pacific Management Consulting mit in ihr Heimatland nahm, waren ihre Landsleute sichtlich verblüfft, als die Besucher Wäsche auf einer Leine oder das Essen auf dem örtlichen Markt ablichteten. Für Menschen aus dem Westen war der Anblick ähnlich ungewöhnlich wie für einen Asiaten eine bayerische Bierschwemme. Ihre Mutter würde nie auf die Idee kommen, Nahrungsmittel zu fotografieren, so Lei Li. Statt dessen gehe es den Chinesen darum, besondere Ereignisse festzuhalten – und das Besondere liegt offenbar im Auge des Betrachters.

Annika Müller