Taumelnde Kolosse im Krisenring
Die Volksrepublik China hat dem amerikanischen Präsidenten Barack Obama in asiatischer Höflichkeit unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass vor allem im Ursprungsland der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise „der Geist der Selbstkritik Einzug halten“ möge. Zugleich aber müsse die internationale Staatengemeinschaft zur Bewältigung der besagten Krise aufs Engste zusammenarbeiten, ergänzte der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao auf dem jüngsten Weltwirtschaftsforum in Davos und fuhr wörtlich fort: „Dazu lädt mein Land den neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten ausdrücklich ein.“
Chinas Regierungschef dürfte in der Schweizer Bergwelt den meisten der asiatischen Länder aus dem Herzen gesprochen haben, als er bei gleicher Gelegenheit vor einer Flucht in den Protektionismus warnte, weil das die Krise nur noch verschärfen und verlängern werde. China jedenfalls setze sich stärker denn je zuvor dafür ein, als Antwort auf die gegenwärtigen Verwerfungen finanzieller und wirtschaftlicher Art vor allem die Doha-Runde zur Liberalisierung des Welthandels so rasch wie möglich abzuschließen, versicherte Wen Jiabao.
Eine Gerade mit der Führhand
Vorausgegangen war von amerikanischer Seite ein Vorstoß, der in Beijing als irritierend empfunden und als „irreführend“ zurückgewiesen wurde. Der Grund war ein Schreiben des kurz darauf in seinem Amt bestätigten neuen amerikanischen Finanzministers Timothy Geithner, an den Finanzausschuss des Senats, in dem es unumwunden hieß, China „manipuliere“ den Wechselkurs des Yuan, um sich Exportvorteile zu verschaffen. Das sei nicht nur seine Meinung, merkte Geithner eigens an, sondern die seines Präsidenten Obama. Zwar war der Vorwurf an die Adresse Beijings nicht neu. Auch während der achtjährigen Präsidentschaft des George W. Bush sah sich China wieder und wieder beschuldigt, den Kurs des Yuan weit unter seinem realen Wert zu halten, um sich so Vorteile im internationalen Handel zu verschaffen. Allerdings war die Regierung Bush nie so weit gegangen, die Führung in Beijing bewusster Wechselkursmanipulation zu bezichtigen. Umso besorgter reagierte China darauf, dass ihm gleich zum Amtsantritt Obamas ein solcher Ton aus Washington entgegenschlug.
Kritik aus der eigenen Ecke
Auch in den USA selbst fehlte es nicht an Stimmen, die den Nutz und Frommen der Kritik des neuen Mannes im Weißen Haus an Beijing in Zweifel zogen. So bezeichnete es Selig Harrison vom Center for International Policy in Washington als „sehr unklug von der Regierung Obama, China gegenüberzutreten wie vor zehn Jahren, als wir uns in einer international starken finanziellen Position befanden“. Inzwischen seien die Vereinigten Staaten in dem Bemühen um ein Wiedererstarken ihrer Wirtschaft schließlich auch und nicht zuletzt „auf den guten Willen Chinas“ angewiesen, sagte der China-Fachmann Harrison in Anspielung darauf, dass Beijing nach Tokyo die meisten Dollar-Staatsanleihen der amerikanischen Regierung hält und somit ein Gutteil des Defizits der USA finanziert. Überhaupt müsse China sehr viel stärker als bisher in die internationale Entscheidungsfindung einbezogen werden, gab nach dem Auftritt Wen Jiabaos in Davos auch Howard Davies zu bedenken, der Direktor der London School of Economics.
Die Export-WM
Immerhin ist China mittlerweile zur drittgrößten Wirtschaftsmacht aufgestiegen und hat damit eine Position erreicht, derer sich 2007 noch die Bundesrepublik Deutschland rühmen konnte. Auch die Rolle des Exportweltmeisters wird den Deutschen von den Chinesen zunehmend streitig gemacht. Allerdings nimmt sich diese Rolle zunehmend zweischneidig aus, denn wie sich inzwischen überdeutlich zeigt: je größer die Abhängigkeit einer Volkswirtschaft von ihren Exporten, desto größer nun die Gefahr, von den Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise heimgesucht zu werden. Gerade in Asien bekommen das eine ganze Reihe von Ländern zu spüren. Das gilt für Japan, die zweitgrößte Wirtschaftsmacht, ebenso wie für die Volksrepublik China, aber auch für Südkorea, Taiwan, Singapur und Thailand. War die Asienkrise vor zehn Jahren vor allem der Abhängigkeit von Auslandskapital zuzuschreiben, so ist es diesmal die Abhängigkeit von ihren Exporten, die den Ländern der Region mehr und mehr zu schaffen macht.
Zwar wies China zum Jahresende 2008 einen Handelsüberschuss in neuer Rekordhöhe von 457 Milliarden US-Dollar aus. Der war allerdings vor allem einem ziemlich drastischen Rückgang der Importe um nicht weniger als 21 % im Vergleich zu 2007 zuzuschreiben, der das Minus bei den Exporten von 13 % entsprechend aufwog. So sehr der chinesische Ministerpräsident auf seiner jüngsten Europareise darum bemüht war, die wirtschaftliche und finanzielle Lage seines Landes als vergleichsweise stabil darzustellen und für das laufende Jahr ein Wachstum von immerhin noch 9 % zu prognostizieren, so wenig macht man in Beijing länger einen Hehl daraus, dass sich die Volksrepublik wirtschaftlich wie sozial mit drückenden Problemen konfrontiert sieht. So mussten schon im abgelaufenen Jahr allein in der Provinz Guangdong an die 60.000 Unternehmen schließen. Nach Angaben der Regierung haben nicht weniger als 26 Millionen Wanderarbeiter ihre Jobs verloren und sich von den Küstenstädten auf den Weg zurück in ihre Dörfer gemacht.
Konsumsteigerung und Protektionismus
Aus dem Umstand, dass gerade die Länder Asiens, die über Jahre hinweg von der Globalisierung am meisten profitierten, sich jetzt von der weltweiten Krise am stärksten betroffen sehen, versucht die chinesische Führung nun eiligst Konsequenzen zu ziehen. So ist sie geradezu vehement um eine Stimulierung des Binnenkonsums bemüht. Mit Blick auf die ländliche Armut will Beijing überdies die Eigentumsrechte der Bauern stärken und nach eigenem Bekunden generell nichts unversucht lassen, um die Wirtschaft in ein sozial erträglicheres Gleichgewicht zu bringen.
Eine der größten Sorgen, die nicht wenige asiatische Exportnationen mit China teilen, ist die Ungewissheit darüber, ob nicht in erster Linie die USA versucht sein könnten, mit protektionistischen Maßnahmen auf die Krise zu reagieren. Die Neigung dazu, so wird in Beijing wie in Seoul und Singapur argumentiert, sei bei den Demokraten in Amerika ohnehin noch stets ausgeprägter gewesen als bei den Republikanern. Die Suche nach Vorwänden habe bereits eingesetzt, glaubt man in China unter Hinweis auf die amerikanischen Manipulationsvorwürfe in Sachen Währungskurspolitik zu wissen. Allerdings waren solche Vorwürfe schon in der Vergangenheit keineswegs aus der Luft gegriffen. So hatte China unter dem Druck der Amerikaner, aber auch der Europäer, seit 2005 die starke Dollarbindung seiner nicht konvertierbaren Währung aufgegeben und so den Yuan um 20 % aufgewertet. Das war zwar auch der damaligen Regierung Bush noch immer nicht genug, doch sie hielt sich mit ihrer Kritik an Beijing zurück. Ihr war aus übergeordneten strategischen Gründen an möglichst spannungsfreien Beziehungen zu China gelegen, was auch die dortige Führung sehr wohl zu schätzen wusste.
Das A & O: eine gute Deckung
Das mag zugleich erklären, warum Beijing auf den Machtwechsel in Washington eher verhalten reagierte. Und nicht von ungefähr stellte sich Skepsis ein, als die chinesische Führung von der neuen amerikanischen dann als Erstes zu hören bekam, sich tunlichst weiterer „Währungsmanipulationen“ zu enthalten. Für die Vereinigten Staaten wie für die Weltwirtschaft als solche sei es wichtig, so der neue amerikanische Finanzminister an die Adresse Beijings, „dass unsere Haupthandelspartner in einem flexiblen Wechselkurssystem operieren, in dem die Marktkräfte den Wert der Währung bestimmen“.
Dennoch ist es schwer vorstellbar, dass einem Obama weniger als einem Amtsvorgänger Bush an guten Beziehungen zu China gelegen sein könnte. Abgesehen davon, dass die Volksrepublik sowohl strategisch wie politisch und wirtschaftlich über ein Gewicht verfügt, das mehr und mehr an das der Vereinigten Staaten heranreicht, haben auch die finanziellen und die Handelsverflechtungen zwischen den USA und China eine beträchtliche Dichte und damit bilaterale Bindekraft erreicht. Dass beide Länder gemeinsam, wenngleich auf unterschiedliche Weise, unter ein und derselben Finanz- und Wirtschaftskrise leiden, birgt indes auch Spannungspotenzial. Mögen sich Prognosen über den weiteren Gang der Dinge auch noch so verbieten: Auf der Suche nach Auswegen aus dieser Krise sind Interessenkonflikte zwischen der größten und der drittgrößten Wirtschaftsmacht keineswegs auszuschließen.
Werner Adam
Der Artikel ist erschienen in inAsien, Ausgabe 2/09


