Die Tüten bleiben gut gefüllt Hong Kong verlangt nach Luxus
Während vor allem die Investitionsgüterbranche unter der weltweiten Wirtschaftskrise leidet, da die Nachfrage von Seiten der südchinesischen Exportindustrie weggebrochen ist, geben die Anbieter von Konsumgütern derweil Entwarnung. Sie erwarten zwar, dass der einheimische Verbrauch, die Einzelhandelsumsätze und die Konsumgüterimporte 2009 leicht zurückgehen. Mit einem Einbruch rechnet jedoch niemand. So -verlief auch das Geschäft zum chinesischen Neujahr Ende Januar/Anfang Februar besser als erwartet. Die Einzelhandelsumsätze sanken gegenüber der entsprechenden Vorjahrsperiode nur um rund 2 Prozent.
Die meisten Einzelhändler schauen daher gelassen in die Zukunft. Für sie kommt die derzeitige Marktschwäche eher einer Korrektur auf hohem Niveau gleich. Nachdem Hong Kong Ende 2003 eine über fünf Jahre andauernde Deflationsphase beendet und die Lungenepidemie SARS erfolgreich gemeistert hatte, holten die einheimischen Verbraucher lange zurückgestellte Konsumwünsche nach. Durchschnittlich legte der private Konsum zwischen 2004 und 2008 um real über 5 Prozent pro Jahr zu.
Ausgaben von 400 US-Dollar pro Kopf
Besucher vom chinesischen Festland heizten das Geschäft zusätzlich an. Seit 2004 hat Hong Kong die Visabestimmungen für Touristen aus der Volksrepublik nach und nach gelockert und damit vor allem dem einheimischen Einzelhandel einen großen Gefallen getan, denn viele der Besucher verbinden ihren Aufenthalt in der Sonderverwaltungsregion (SVR) mit ausgiebigen Shoppingtouren. So stiegen 2007, als die chinesische Wirtschaft noch boomte, die Hong Konger Einzelhandelsumsätze um 13 Prozent und selbst im Krisenjahr 2008 vermeldete das Statistikamt noch ein Plus von 11 Prozent. Insgesamt kamen 2008 nach Angaben der Tourismusbehörde 17 Millionen chinesische Besucher nach Hong Kong, ein Plus von 9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Laut Umfragen geben sie pro Kopf rund 400 US-Dollar für ihre Einkäufe aus.
Die chinesischen Touristen haben es vor allem auf exklusive Importwaren aus Europa und Japan abgesehen, weil sie in der ehemaligen britischen Kronkolonie, die keine Zölle oder Mehrwertsteuer erhebt, wesentlich preiswerter als zuhause sind. Aber auch die einheimische Bevölkerung steht ihnen in Sachen Einkaufsfreude in nichts nach. Für die 7 Millionen Hong Konger, die mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf von rund 30.000 US-Dollar zu den wohlhabendsten Einwohnern Asiens gehören, spielen Statussymbole und demonstrativer Konsum eine wichtige Rolle.
Deutsche Technik ist gefragt
Im Jahr 2008 legten die nicht-chinesischen Konsumgüterimporte in nahezu allen Sparten im Vergleich zum Vorjahr zweistellig zu, auch wenn sich die Wachstumsraten gegenüber der Periode von 2006 bis 2007 leicht abschwächten. Alleine die Importe in den fünfzehn wichtigsten Produktkategorien beliefen sich 2008 auf 36 Mrd. US-Dollar.
Deutsche Hersteller lieferten Waren im Wert von 1,9 Mrd. US-Dollar in die SVR, eine Steigerung von über einem Viertel gegenüber 2007. Der Einfuhranteil betrug damit rund 5,4 Prozent. Den größten Anteil hatten dabei, und das überrascht kaum, deutsche Pkw. Ohne diese läge die Einfuhrquote bei lediglich 2,6 Prozent. Insbesondere im klassischen Luxusgütergeschäft sowie im Modebereich bekommen deutsche Anbieter gegenüber der Konkurrenz aus Südeuropa – die vor allem von ihren starken Markennamen profitiert – kaum ein Bein auf den Boden.
Anders sieht es in technisch orientierten Produktkategorien aus. So erfreuen sich Pkw, Haushaltselektronikgeräte, Möbel und Schreibwaren „Made in Germany“ einer hohen Beliebtheit. Seit einigen Jahren ist zudem der Absatz von deutschen Körperpflegemitteln und Nahrungsmitteln rasch gestiegen. Einheimische und chinesische Verbraucher erwarten, dass Produkte aus Deutschland besonders sicher beziehungsweise umweltschonend sind. Alleine 2008 haben sich die entsprechenden Lebensmittelimporte der SVR nahezu verdoppelt.
Vom Pkw zum Sofa
Die Krise hat derweil die Konsumstruktur insbesondere der einheimischen Bevölkerung verschoben. Der Pkw-Absatz ist zur Jahresmitte 2008 eingebrochen. Da Hong Kong jedoch ein sehr kleiner Markt für die internationalen Automobilhersteller ist – die jährlichen Zulassungszahlen bewegen sich in einem Rahmen von 25.000 bis 35.000 Stück – , ist der Rückgang zu verschmerzen. Auch Unterhaltungselektronik, elektronisches Spielzeug und Mobiltelefone sind in der Krise nicht mehr so stark gefragt. In anderen Sparten entwickelt sich das Geschäft derweil recht lebhaft. Angesichts unruhiger Zeiten wollen es sich die Hong Konger zu Hause gemütlich machen. Einrichtungsgegenstände sowie Haushaltselektrogeräte gehen weg wie „warme Semmeln“. Zum Wochenende freuen sich die Möbelmärkte über großen Besucherandrang.
Der Schein wird gewahrt
Auch der Umsatz mit Kosmetika boomt regelrecht, jedoch greifen die Konsumenten verstärkt auf preiswertere japanische Produkte zurück und lassen die teuren französischen Waren in den Regalen stehen. Völlig anders sieht die Situation bei europäischen Lederwaren, Handtaschen, Schuhen und Textilien aus. Niemand will sich angesichts der Krise die Blöße geben und plötzlich auf unbekannte Marken umsteigen. Zur großen Besorgnis der Regierung steigt auch der Konsum von alkoholischen Getränken angesichts der Sorge um den Arbeitsplatz rasant an.
Roland Rohde, gtai
Der Artikel ist erschienen in inAsien, Ausgabe 4/2009


