Jeden Tag 20 neue Kilometer
Können Straßen ein Politikum sein? In Indien ganz sicher. „Das größte Defizit, das Indien besitzt, ist seine Infrastruktur“, sagt Kamal Nath, Indiens neuer Minister für Straßentransport und Autobahnen. „Wir blicken auf ein Jahrzehnt der Informationstechnologie zurück und schauen voraus auf eine Dekade des Aufbaus unserer Infrastruktur“, sagt Nath, der bis zur Wahl in Indien das wichtige Handelsministerium führte. Für ihn ist der Wechsel des Amtes kein Abstieg: Er fühlt sich an der Schaltstelle des indischen Aufschwungs.
„Auf Dauer kann man kein Land führen, in dem 350 Millionen Menschen von weniger als einem Dollar täglich leben müssen und 400 Millionen weitere Menschen mit nur zwei Dollar am Tag auskommen“, sagt er. Um aber „inclusive growth“ zu schaffen, ein Wachstum, das alle Bevölkerungsgruppen erreicht, müssen weite Teile des Subkontinents zunächst einmal überhaupt mit den Wachstumsregionen verbunden werden. „Egal ob es um die Anbindung an das Stromnetz, an das Wassernetz oder schlicht das Straßennetz geht – wir dürfen diese Menschen nicht zurücklassen.“
Anschluss für die Landbevölkerung
Die Investmentbank Goldman Sachs schätzt, dass Indien über zehn Jahre 1,7 Billionen US-Dollar braucht, um seine Infrastruktur angemessen auszubauen. Die indische Regierung selber spricht von 500 Milliarden US-Dollar bis 2012. Das größte Defizit betrifft das Straßennetz, da ist sich Nath sicher. Dessen katastrophaler Zustand geht vor allem zulasten der armen Bevölkerung auf dem Land und bremst das Wachstum. Ohne funktionierende Infrastruktur ist der Übergang von einer landwirtschaftlichen zu einer industriellen Volkswirtschaft nicht zu schaffen. „Wohlstand schafft keine Straßen. Aber Straßen schaffen Wohlstand.“ Und ohne wachsenden Wohlstand, an dem alle partizipieren, ist auch die größte Demokratieder Erde im Unruhezustand.
Denn bis heute verdirbt mehr als ein Drittel der Ernte auf dem Weg vom Bauern zum Geschäft. Ein Grund dafür liegt auch im miserablen Straßennetz Indiens. Ein Lastwagen braucht für die rund 1.500 Kilometer zwischen der Wirtschaftsmetropole Mumbai und der Hauptstadt Neu Delhi fünf Tage – reine Fahrzeit, ohne die Wartezeit an den Grenzen zwischen den Bundesstaaten. 3,4 Millionen Kilometer Straße besitzt Indien, 71.000 Kilometer gelten als Autobahnen – die wenigstens aber besitzen mehr als zwei Spuren, fast 17.000 Kilometer sind sogar nur einspurig. „Wir hinken mindestens 30 Jahre hinter der Entwicklung unser Wirtschaft zurück“, sagte Harpinder Narula, Vorsitzender des Infrastrukturunternehmens DSC India. Deshalb hat Nath versprochen, jährlich 7.000 Kilometer Straßen zu bauen. „Das sind 20 Kilometer täglich. Und es bedeutet, an mindestens 20.000 Straßen gleichzeitig zu arbeiten“, erklärt der Minister. Soll das Ziel erreicht werden, müsste sich die Geschwindigkeit des Straßenbaus auf dem Subkontinent mindestens verzehnfachen, schätzen Bauunternehmer.
Keine Frage, einmal mehr geht es in Indien um Superlative: „Im Straßenbau werden wir das weltweit größte Projekt für die Zusammenarbeit von Regierung und Privatsektor auf die Beine stellen“, kündigt Nath an. Indiens Regierung braucht das Geld der Investoren. Rund 45 Milliarden US-Dollar sollen sie zu der erwarteten Gesamtsumme von 70 Milliarden US-Dollar beitragen. Auch das ist ein hoch gestecktes Ziel: Denn bislang waren gerade einmal acht Prozent der Aufträge im Autobahnbau an ausländische Firmen vergeben worden.
Verkehrsminister auf Welttournee
Über Wochen reiste Nath deshalb nun zu den Plätzen, die ihm schon als Wirtschaftsminister vertraut waren: Er umwarb Versicherungen, Pensionsfonds und private Geldgeber an der Wall Street, in Zürich und Tokyo. „Die Investoren sind sehr interessiert, weil sie hier mehr Geld verdienen können als mit Immobilien oder Aktien“, sagte Nath in New York. Zu Bieten hat er vor allem wachsende Einnahmen aus Straßennutzungsgebühren. Die Mautgelder dürften im Gleichschritt mit dem Verkehrsaufkommen wachsen. Dem Vernehmen nach hatten sich für Naths Auftritt in Zürich Bauunternehmen aus Frankreich, den Niederlanden, Italien und Spanien sowie der österreichische Maut-Betreiber Europass angemeldet.
Investoren beklagen bekannte Probleme
Naths Versprechen sind ehrgeizig. Doch sind die bislang fehlenden Investoren wohl nicht das Haupthindernis für den Entwicklungsplan. Die Bürokratie, die Probleme beim Landkauf, das mangelnde Umsetzen von Gerichtsurteilen wögen schwerer, urteilen potentielle Geldgeber. Auch seien die Ausschreibungen in der Vergangenheit fehlerhaft gewesen – auf ihrer Basis sei kaum eine vernünftige Bewerbung um einen Auftrag möglich gewesen. Von Korruption für die Beteiligten ganz zu schweigen. Nath will auch damit fertig werden. Nach dem neuen National Highway Authority Act dürfen Projekte nur noch dann ausgeschrieben werden, wenn sich schon 80 Prozent des betroffenen Landes im staatlichen Besitz befinden. Und statt wie einst 18 Monate soll es nun nur noch acht Monate dauern, bis ein Landerwerb über die Bühne geht.
Aus inAsien, Ausgabe 1/2010
Autor: Christoph Hein


