Vom Bambus zur Boxer Shorts – Asiens Architektur im Wandel
Es wundert kaum, dass das höchste Gebäude Asiens in China steht. Dass es sich jedoch weder in den Beijinger noch den Shanghaier oder Hong Konger Himmel schraubt, überrascht schon ein wenig. Mit seinen rund 610 Metern überragt der Canton Tower die gesamte Skyline der Neun-Millionen-Stadt Guangzhou und hat 2008 den CN Tower in Toronto als höchsten Fernsehturm der Welt abgelöst. Zumindest vorübergehend, denn schon 2011 soll in Japans Hauptstadt der Tokyo Sky Tree vollendet werden. Dass der Canton Tower, der unter den höchsten Gebäuden der Welt auf Platz zwei rangiert, in Guangzhou gebaut wurde, dürfte er den Asian Games verdanken, die dort vom 12. Bis 27. November stattfinden werden. Die prestigeträchtigen Wettkämpfe begünstigten unter anderem auch den Bau eines Flughafens und einer Oper. Der Effekt der Olympischen Spiele 2008 auf Beijing war ein ähnlicher.
Dass die Höhe eines Gebäude nicht zwangsläufig mit der Größe des Landes einhergeht, in dem es steht, zeigt der Taipei 101 in Taiwan. Der Umkehrschluss, je kleiner das Land, desto höher die Ansprüche an die Architektur, scheint hier schon eher zutreffend. Mit seinen 508 Metern vom Boden bis zur Spitze und 101 Stockwerken war es bis März 2008 der höchste Wohnhäuser der Welt. Nun rangiert es „nur noch“ auf dem zweiten Platz hinter dem um gut 300 Meter höheren Burj Chalifa. Mit einer Geschwindigkeit von 60 Kilometer pro Stunde blieb dem taiwanesischen Financial Center immerhin der schnellste Aufzug. Selbst wenn man die vielen gigantischen Fernsehtürme berücksichtigt, rangiert der Taipei 101 noch immer auf Platz sechs der höchsten Gebäude. In Asien liegt er auf Rang zwei.
Vorsicht Pathos!
Was Taiwan kann, wird sich Chinas Wirtschaftsmetropole Shanghai gedacht haben, können wir schon lange. Seit 2008 fährt einer der schnellsten Aufzüge bis in die 101. Etage des Financial Centers in Shanghai. 492 Meter ragt der „Flaschenöffner“, wie das Gebäude im Volksmund genannt wird, in den Himmel. Der Spitzname lässt seine Form bereits erahnen. Im oberen Teil des Turms ist eine rechteckige Öffnung, welche durch die „Skybridge“, einen überdachten Übergang, eingerahmt wird. „Das japanische Architekturbüro Mori Building wollte ursprünglich eine kreisrunde Öffnung in das Gebäude integrieren. Dies erinnerte die Chinesen jedoch zu stark an die japanische Nationalflagge“, weiß Frank Kaltenbach, Redakteur und Asienexperte des Architektur-Magazins DETAIL. Dieser Argwohn ist zum einen dem historisch bedingt schwierigem Verhältnis zwischen Japan und China geschuldet. Zum anderen liege dies in der starken Bildhaftigkeit in der asiatischen Architektur begründet, welche bis ins symbolische gehen kann und der eine große Bedeutung beigemessen wird, erklärt Kaltenbach.
Der „Flaschenöffner“ gehört zu einer Reihe postmoderner Gebäude die in ganz Asien entstehen, oder in den nächsten Jahren noch errichtet werden. Die Türme werden dabei nicht bloß immer höher, auch der Anspruch an die Architektur hat sich verändert. Sie ist heute losgelöst von historischen Vorbildern und spricht eine „globale Formensprache“, wie Kaltenbach es nennt. Viel Länder in Fernost haben ihre Identität nun gefunden und wollen ihren Platz in der Welt im wahrsten Sinne des Wortes untermauern. Gebäude wie die Petronas Tower in Kuala Lumpur oder das Taipei 101, die in den 1990 Jahren entstanden, verkörpern noch den, alten Anspruch, die Kultur direkter und sichtbarer in die Architektur einfließen zu lassen: Die Türme in Malaysias Hauptstadt sind durchsetzt von einer islamischen Ornamentik, das pagodenähnliche Design des Taipei 101 erinnert an einen Bambus und berücksichtigt die Feng-Shui-Lehre.
Löcher und Feng Shui
In China werden noch heute Löcher eingeplant, durch welche die Geister entschwinden können. Wobei dies weniger dem Glauben geschuldet ist, sondern eher dem Willen der Investoren das Gebäude interessanter zu machen um es besser vermarkten zu können. Noch 1986 konsultierte Norman Foster bei der Errichtung der Hong Kong and Shanghai Bank (HSBC) einen Geomantiker und lies die Rolltreppe in einem ganz bestimmten Winkel einsetzen. Doch nicht nur in der architektonischen Gestaltung hat sich viel getan. Die Bauteile kamen damals komplett aus Übersee. Alles wurde im Ausland gebaut und anschließend mit Frachtern nach Hong Kong verschifft, wo es zusammen gebaut wurde. „Heute hingegen kommt es durchaus vor, dass besonders hochwertige Teile für ein Projekt in München aus China geliefert werden“, sagt Kaltenbach.
Wie sehr sich die Zeiten und das Architekturverständnis in Asien geändert haben zeigt der CCTV Tower in Beijing. Kaum ein Gebäude bringt Chinas Selbstverständnis, Stolz und Anspruch besser zur Geltung als die neue Sendezentrale des chinesischen Staatsfernsehens. Die Form ist nahezu unbeschreiblich. Auch die Beijinger sind sich uneins und erkennen darin Boxer Shorts oder Hosenbeine. Kritiker wollen darin ein Hinterteil oder gar Geschlechtsteile erkennen. Ole Scheeren, der verantwortliche Architekt, weiß um die Einzigartigkeit und auch warum es gerade in im Reich der Mitte realisiert wurde: „Einer der auffälligsten Unterschiede zwischen Europa und Asien ist die Geschwindigkeit. Dinge passieren hier schneller. Und zweitens ist der Maßstab, in dem gemessen wird, einfach größer.“ Der gebürtige Karlsruher ließ sich von den Möglichkeiten anstecken und wollte etwas schaffen, was es zuvor nie gegeben hatte. Er ist sich sicher: „In Europa wäre ein solches Gebäude absolut unmöglich.“
Experimentierfreude versus Denkmalschutz
Auch Kaltenbach sieht in Asien eine größere Experimentierfreude. Länder wie Korea oder China sähen für sich eine neue Epoche anbrechen. Der wirtschaftliche Aufschwung spült Geld in die Kassen, es geht voran. Bauliche Freiheiten in Asien stünden dem in Europa oft hemmenden Denkmalschutz gegenüber. In China kommt Großprojekten zu Gute, dass auch historische Bauten einfach abgerissen werden können, so der Asienexperte. Das geradezu nach Aufmerksamkeit schreiende „Vogelnest“ scheint die logische Konsequenz aus künstlerischer Freiheit und dem Mangel eines historisch manifestierten Baustils. Auch das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron, das das Olympia Stadion entwickelt und gebaut hat, hebt den großen Spielraum hervor. Bis auf die durch den Masterplan vorgegebene Lage hätten sämtliche Ideen von Ihnen realisiert werden können.
Die Münchner Allianz Arena, welche ebenfalls das Werk von Herzog & de Mauron ist, wirkt im Gegensatz zum „Vogelnest“ geradezu konservativ. Sowohl in München als auch in Beijing wurde etwas geschaffen, das über den eigentlichen Zweck der Gebäude hinaus geht.
Vor allem das Beijinger Olympia Stadion scheint in der Bevölkerung angekommen zu sein. Schon früh wurde ihm von den Einwohnern sein Spitznamen verpasst, wobei es kaum ein Zufall gewesen ist, dass der mitwirkende chinesische Architekt ein Vogel-Liebhaber war. „In China ist ein Spitzname sehr wichtig. Die Bezeichnung Vogelnest war positiv besetzt und hat bei der Realisierung geholfen“, meint Kaltenbach.
Platz ist in der höchsten Hütte
Das noch im Bau befindliche International Commerce Centre (ICC) im Hong Konger Stadtteil Kowloon scheint da zumindest auf den ersten Blick schon wesentlich funktionaler. 484 Meter wird es nach seiner Fertigstellung in diesem Jahr in die Höhe ragen. Damit landet das schlichte und schnörkellose Gebäude unter den höchsten Wolkenkratzern der Welt auf Platz vier. Die obersten 15 Etagen hat sich bereits die Luxus-Hotel-Kette Ritz-Carlton gesichert und wird damit das höchste Hotel der Welt sein. Wenig überraschend ist, dass in den asiatischen Metropolen Gebäude wie dieses keinen Seltenheitswert mehr besitzen. Besonders in Hong Kong und Shanghai stehen mehrere tausend Hochhäuser mit gigantischen Ausmaßen. Treibende Kraft ist nicht selten der Mangel an Wohnraum. „In Frankfurt und New York entstehen viele Gebäude auch aus einer gewissen Prunksucht heraus, in Asien ist dies bei Wohnbauten weniger der Fall“, schätzt Kaltenbach die Entwicklung ein.
Projekte wie der Tokyo Sky Tree, der Shanghai Tower oder das MahaNakhon in Bangkok sprechen eine andere Sprache. Mit dem „Himmelsbaum“ wird Tokyo ab 2012 dann den höchsten Fernsehtur und das zweihöchste Gebäude der Welt sein Eigen nennen. Dass es lediglich der bessere Empfang war, der die Erbauer dazu brachte den neuen Sendeturm gleich doppelt so hoch werden zu lassen wie seinen Vorgänger den Tokyo Tower, darf zumindest bezweifelt werden. Der Shanghai Tower wird sich 632 Meterin den Himmel winden. Nicht nur seiner Höhe wegen, sondern vor allem aufgrund seiner Energieeffektivität wird dieses Gebäude neue Maßstäbe setzen – nicht nur in China. Und auch das MahaNakhon, das wie der CCTV-Towe ebenfalls von Ole Scheeren geplant wurde, ist alles andere als ein reiner Funktionsbau. Auch hier hat sich das Ritz- Carlton-Hotel bereits angemeldet.
Die meisten der großen Projekte in Asien werden noch unter der Regie ausländischer Büros geführt, doch es entsteht langsam eine eigene Szene. Viele Architekten haben in Europa studiert und kommen nun nach Asien zurück. Kaltenbach prognostiziert: „Zukünftig werden heimischen Architekten die Projekte selbst leiten. Es wird eine Entwicklung geben wie im Automobilbau. Die Asiaten lernen dazu.“
Aus inAsien, Ausgabe 2/2010
Autor: René Kohlenberg


