Wachsende Herausforderungen für Asien

Die Krise im Westen wird zum Lackmustest für Asien. Dabei muss sich die Region auch auf sich selbst konzentrieren, um etwa die wachsenden Herausforderungen im Umweltschutz bewältigen zu können. Helfen wird ihr die Rückkehr des politischen Amerikas nach Asien

Die Krise in Europa schwelt weiter, bislang aber hat Asien sie besser verarbeitet, als zunächst von vielen erwartet. In diesem Jahr freilich wird sich die schwächere Nachfrage aus der alten Welt immer deutlicher in den Büchern der asiatischen Firmen niederschlagen. Die Länder der Region besitzen nicht die Stärke, fehlende Aufträge aus dem Westen durch eigenen Konsum zu ersetzen, die Fabrik der Welt kann sich nicht abkoppeln. Asien bleibt gefährdet durch die Krise – auch wenn es auf festeren Füßen steht, als noch vor fünf Jahren. Dies zeigten schon im Spätherbst des vergangenen Jahres drei Indikatoren: Der Index der Einkaufsmanager sank immer tiefer. Gemeinsam mit der ebenfalls fallenden Nachfrage grundlegender Rohstoffe wie Erz oder Kokskohle zur Stahlproduktion ein deutliches Zeichen dafür, dass Asiens Wachstumsgeschwindigkeit nachlässt. So erklärte die Australische Zentralbank schon Anfang November 2011: „Der jüngste Fall der Preise für Rohstoffe und die langsamere weltweite Nachfrage deuten darauf hin, dass der Handel seinen Höhepunkt erreicht hat. Der deutliche Fall der Eisenerzpreise verweist darauf, dass der Einbruch ein bisschen schneller vonstatten gehen könnte, als zunächst erwartet.“ Wer diesen Zeichen immer noch nicht recht glauben wollte, der konnte zu diesem Zeitpunkt auf die Vorausbuchungen im Schiffsverkehr schauen: Schon im dritten Quartal sank der Container-Verkehr zwischen Asien und Amerika um 3,8 Prozent. Es war der erste Rückgang seit dem letzten Quartal 2009. Die Preise für Standard-40-Fuß-Container zur amerikanischen Westküste brachen um 24 Prozent ein, ermittelte der weltgrößte Schiffsbroker, Clarkson.

Mindestens 8 Prozent Wachstum sind nötig

Asien wird sich 2012 also vor allem darum kümmern müssen, seine Wachstumsraten aufrechtzuerhalten. Länder wie Indien oder Indonesien aber brauchen allein 8 Prozent Wachstum, um ihren nachwachsenden Arbeitskräften zumindest auf dem informellen Markt eine Stelle und damit ein Einkommen zu verschaffen. Gelingt ihnen das nicht, droht sozialer Unfriede. Letztlich wird Asien in diesem Jahr von drei großen Themen umgetrieben werden: Von der Balance zwischen Preisauftrieb und einem Zinsniveau, das die Wirtschaft ankurbelt. Von einer Balance zwischen Wachstum und Umweltschutz. Und derjenigen zwischen den Supermächten China und Amerika. Seitdem Australien als erstes Industrieland schon 2010 die Zinsen anhob, folgten Asiens Länder rasch auf dem Weg, die Geldmenge einzuschränken. Gerade Indiens Zentralbank dreht immer wieder an der Zinsschraube, wurde der Inflation der Lebensmittelpreise aber dennoch nicht Herr. Noch Ende des vergangenen Jahres stiegen sie zweistellig – was besonders die ärmeren Gesellschaftsschichten zu spüren bekommen. Ein ähnliches Bild bot – aus anderen Gründen – Vietnam. Thailand hingegen strebte eine Lockerung nach der Überflutung an, um den Wiederaufbau finanzieren zu können. Dabei wird es nicht bleiben. Denn nach der Zinssenkung der Europäischen Zentralbank im November vergangenen Jahres öffnet sich die Zinsdifferenz zwischen vielen Ländern Asiens und denjenigen Europas noch weiter. Damit drohen zusätzliche Mittel in die Wachstumsregion Asiens zu fließen. Zumindest dann, wenn Europa auch auf mittlere Sicht aufgrund seiner Staatskrise ein unsicherer Anlageort bleibt. Das freut Finanzzentren wie Singapur. Doch es gefährdet die Stabilität der Länder, da es sich nicht um langfristige Anlagen und Investitionen handelt, sondern in der Regel um „heißes Geld“, was über Nacht bei wachsender Unsicherheit wieder abgezogen werden kann. Schwächen sich die Wachstumsraten in Asien in diesem Jahr wie zu erwarten ab, können die Zentralbanker ihre Geldpolitik zwar etwas lockern. Voraussetzung dafür aber ist vor allem ein langsamerer Anstieg der Lebensmittelpreise. Die aber werden allein schon durch die wachsende Mittelschicht in Asien getrieben. So müssen also Asiens Zentralbankiers, die traditionell der Politik sehr nahe stehen, in diesem Jahr wohl noch stärker als 2011 an der Quadratur des Kreises arbeiten: Die Inflation einzudämmen, ohne zu hohe Zinsen zu bieten.

Indien setzt auf grüne Energien

Ähnlich diffizil erscheint der Ausgleich zwischen Wachstum und Ressourcenschutz. Traditionell wird Umweltschutz immer dann geopfert, wenn hohe Wachstumsraten angestrebt sind. Das dürfte in diesem Jahr erneut deutlich werden. Mut aber machen China und – aus-gerechnet – Indien: Denn dort hat sich die Regierung auf die Fahnen schreiben müssen, „grüne Energieversorgung“ deutlich auszubauen. Windparks, Sonnenkraftwerke, Biomasse – das sind Energiequellen, die gerade in Asien tragfähig sind, wenn die Anschaffungskosten stimmen. Chinesische Firmen drücken sie mit Billigprodukten, zugleich schreitet die Entwicklung preiswerter Lösungen aufgrund der Nachfrage armer Länder voran. Inzwischen finanzieren Banken wie die Kreditanstalt für Wiederaufbau in Indien sogar den Bau von Wohnungen, wenn diese klimatechnisch aufgerüstet sind. Dann mindert sich der Einsatz von Klimaanlagen und damit von Strom deutlich. Diese intelligenten Ansätze verfolgt nun auch der Stadtstaat Singapur: Er arbeitet nicht nur mit Macht daran, zu einem der führenden Standorte für die Entwicklung der Solarindustrie zu werden; jüngster Investor war im Spätherbst das deutsche Edelmetallunternehmen Heraeus aus Hanau, das in Singapur Silberpasten für die Beschichtung von Solarpanelen erprobt und produziert. Auch Großkonzerne wie Siemens forschen vom Stadtstaat aus an Lösungen für die Wasserkrise, etwa durch die Entwicklung von Kläranlagen und Meerwasserentsalzung. Der Tsunami von Japan, die Überschwemmungen in Australien und Thailand senden deutliche Warnrufe aus. Ob aber die Schwellenländer Asiens gerade in einem wie zu erwarten schwierigen Jahr wie diesem die Kraft besitzen werden, massiv in Umwelttechnik zu investieren, bleibt fraglich. Doch wächst die Erkenntnis weit über China hinaus, dass es nicht mehr damit getan ist, Hauptstädte aus dem jeweiligen Moloch zu verlagern, so wie Jakarta dies immer wieder andenkt. Flucht vor der Katastrophe ist keine Lösung, das merken auch asiatische Politiker unter dem Eindruck der wachsenden Vernetzung sozialer Medien.

Amerika als Trumpf

Dabei ist ihre mittelfristige Ausgangslage so schlecht nicht: Die Kassen sind relativ gefüllt, die Länder erstaunlich stabil. Gerade in diesem Jahr unter dem Eindruck der Krise aber werden sie auch noch einen weiteren Trumpf ausspielen können: Es ist nicht mehr nur China, das den Rest Asiens als Wachstumsraum stützen will, um sich Zustimmung und Stillhalten zu sichern. Nach Jahren faktischer Abstinenz wächst der politische Einfluss Amerikas in der Region wieder. „We are back“, sagte die Außenministerin Hillary Clinton schon 2009 bei ihrem Besuch in Hanoi. 2011 füllte sich die Ankündigung mit Inhalt. Amerikas Präsident Barack Obama band die Asien-Staaten bei der Konferenz der Pazifik-Anrainer-Staaten (Apec) ein, nahm selbst als erster amerikanischer Präsident am Ostasien-Gipfel auf Bali teil. „In Asien fragen sich die Menschen, ob wir dort sind, um zu bleiben, oder ob wir wieder abgelenkt werden von Ereignissen an anderer Stelle, ob wir ernst zu nehmende strategische und ökonomische Zusagen machen und halten können, und ob wir solche Zusagen durch Handlungen unterlegen werden. Die Antwort lautet: Wir können das. Und wir werden es. So wie Asien für Amerikas Zukunft wichtig ist, ist ein engagiertes Amerika wichtig für Asiens Zukunft.“ Dieses Tauziehen haben die Länder der Region in der Vergangenheit mehr und mehr zu nutzen gelernt. Sie werden ihre Fähigkeiten in diesem Jahr noch stärker als bislang nutzen können. Zu ihrem eigenen Wohl – denn zwei Schutzmächte sind für den Rest Asiens hilfreicher als eine.

Autor: Christoph Hein